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Lesekatzen

Lesekatzen

Vier Katzenbesitzerinnen bloggen gemeinsam über das, was sie neben ihren Vierbeinern am meisten lieben: BÜCHER!!!

ES und ICH

Smoke: Roman - Katrin Segerer, Dan Vyleta
"Ein Geruch wie ausgekochte Geschirrtücher." (S.439)
Seit einiger Zeit spiele ich mit dem Gedanken, das Rauchen aufzuhören. Jetzt gerade tue ich es nicht. Liegt mit an dem Buch. Obwohl das Buch Bonbons und Zigarettenkonsum sehr stigmatisiert und für schlecht erachtet. Dennoch: Rauch ist gut. Zu dem Entschluss bin ich jetzt gekommen. Ich bin mir zwar nicht sicher, wieso es ihn gibt und warum er die Sünden anspringt (nicht auf alle), aber ich weiss wo er seinen Sitz hat und dass er nicht nur teerschwarz ist. Er ist Ausdruck der Gefühle, das ES im ICH. Die schönste Nebeneigenschaft ist jedoch eine Art Verbundenheit. Eine Art Erkennen des anderen, welche einem bestätigen kann zu wem man gehört. Wer zurück liebt mit dem ganzen ICH. „Riechst du es nicht?“ Nennen wir es: Smoke-Punk, statt Steam-Punk. Und wo Punker sind, dort finden wir Revolution.

An das Buch gekommen bin ich sogar zufällig. Habe ein kleines Suchspiel mitgemacht und das Cover tauchte in meiner Empfehlung auf. Das Cover finde ich hässlich, passt aber atmosphärisch. Tatsächlich wanderte es aber nicht auf meine Wunschliste. Über den Verlag kam es dann doch noch einmal auf mich zu. Und ich konnte mich diesem ‚Fingerzeig’ des Schicksals nicht erwehren. Wozu auch, manche Bücher finden dich, nicht umgekehrt. Manche Geschichten finden auch ihre Autoren, wenn diese nicht zwingend danach suchen. Und manchmal wirst du gefunden, wenn du rauchst. Manchmal findest du jemanden nur, wenn es stockfinster ist und du alles was dir beigebracht wurde: Normen, Werte, Erziehung, das Hand-in-den-Schoß-legen abstreifst, nackt bist aber nicht entblößt. Demnach Danke.


"Es geht um Gehorsam." (S.104)
So wie die Jugendlichen in diesem Buch. Schnell wird klar: Charlie und Thomas sind keine x-beliebigen Internatsschüler im 19.Jahrhundert. Sie sind auf einem Elite-Internat voller anderer Jungen. Kinder rauchen pausenlos und sind noch nicht ‚erzogen‘ genug. Kinder sind, bis sie lernen mit ihrem Rauch umzugehen, auch nichts wert, werden gemieden. Um die Brut also in ihr Werte-Korsett zu zwängen, werden sie auf die Schulen verfrachtet. Ihre Kleider, ihre Laken untersucht, wer raucht wird bestraft. Zum Glück verlassen wir dieses ungemütliche Gefängnis schnell. Es reicht, um uns die beiden Jungs und ihre außergewöhnlich innige Freundschaft beizubringen. Und einige andere Charaktere in kurzes Scheinwerferlicht zu tauchen, um sie später aus dem Kader der Charaktere hervorzuheben.

Stattdessen erleben wir eine Hinrichtung und folgen der Handlung zu einem anderen Schauplatz. Der nicht weniger düster ist, einem aber Raum zum Atmen lässt. Dort lernen wir Livia kennen, sie ist ebenfalls adelig und auf einem Mädcheninternat untergebracht, wenn nicht gerade - wie jetzt - Weihnachtsferien sind. Sie ist ‚die Heilige‘ die alle Gefühle unterdrückt, die Tugend, die Disziplin und Selbstbeherrschtheit verkörpert. Ihre Mutter, ihren Halbbruder, die Dienerschaft in den Schatten stellt, dem Leser viel Geduld abringt, um mit ihr warm zu werden.


"Stell dir eine Welt vor, in der du irrst,
und niemand bemerkt es,
nicht einmal du selbst
.
"
(S.143)
Was dort hinter verschlossenen Türen geschieht, bleibt auch dort. Handlungstechnisch werde ich auch gar nicht tiefer gehen als: Wir kehren über Umwege zurück nach London. Doch nicht mehr als adelige Sprösslinge, mit halben Schritt durch die Tür zum Mannsein. Wir erleben hautnah mit, wie die drei Jugendlichen geschliffen werden. Allerdings nicht zu Diamanten. Aus Rauch kann man keine Diamanten pressen, so sehr man sich auch bemüht. Aus Rauch entsteht etwas anderes. Ur-substanztielleres, Animalisches, nicht immer Gutes. Aber und darum geht es: Eben auch nicht nur Schlechtes. Diese drei Charaktere werden viel über sich und ihre Liebe lernen in den kommenden Z-/Seiten. Ich finde sie wachsen dabei nicht über sich hinaus, sie erblühen auch nicht: Keine Geschichte über die Ästhetik hinter dem mit Dreck verschmierten Gesicht. Sie finden jeweils ihren eigenen Kern, wie verdorben der auch sein mag.

Ist denn alles wirklich Sünde? Fragt dieses Buch. Und welche dieser Sünden engt uns mehr ein, als dass sie uns lehrt ein guter (Christ) Mensch zu sein? Wären diese Emotionen so flüchtig wie Nebel und würden aus unserer Haut hervorquellen, wie wirke jemand, der „eine reine Weste“ trüge? Wer ist schlimmer? Der der ohne Reue Böses tut oder der der ohne Scham lügt? Ist es so verwerflich unter all dem Dreck einen Menschen zu finden oder viel schlimmer unter der sauberen Kleidung schlackigen, aufgebrauchten Ruß? Wie viel verkraften wir täglich, unterdrücken uns, schämen uns über unser frugales Mahl gebeugt?

 

Fazit: 
Gegenwartsform, Ich-Perspektiven (! ja Mehrzahl) und ‚eigentlichs‘ und ‚Achselzucken‘ - da hört’s bei mir ja schon auf, wie einige vielleicht wissen über mich. Ich hab’ aber meine kleinen Rauch-Schluckaufs wieder weggewedelt und sie hingenommen. Wobei es mir am Anfang sehr schwer fiel. Ich-Perspektive mag ich deshalb nicht, weil mein ICH ja vielleicht einfach nicht das Ich im Buch ist. Aber hier ist jeder mal Ich und ICH kann mir aussuchen, ob ich einer von ihnen sein kann. Wirklich gestört hat es mich zum Ende deswegen nicht mehr so arg. Man sieht, man kann auch entgegen meiner Präferenzen bei mir punkten. Wenn man es überzeugend macht.

Das schafft Vyleta. Seine Idee ist hervorragend. Dunkel, fies und ständig hinterfragend. Er erschafft einen verzerrten Weltenentwurf mit veränderter Zeitlinie weit in der Vergangenheit, so dicht an unserer, mit Täuschung, Arglist und Hohn, nur um ihn wieder einzureissen. Die Daguerreotypie einer Gesellschaft, die sich im Moment der Aufnahme bewegt hat. Nichts ist wie es gelehrt wird, nichts wie es scheint, du musst die zentimeterdicken schwarzen Schichten abkratzen, um dahinter zu blicken. Niemand ist weiß oder schwarz ODER grau. Hundertmal kann man das schreiben, schreien, dozieren, dennoch fallen wir immer in unsere Muster zurück und vorverurteilen, urteilen, stellen uns in unseren eigenen Käfig, ins Hamsterrad, in die Norm, unterwerfen uns den Zwängen, den Zwingen und dem Korsett.


Urteil: Karnevalswochen, jetzt weiss ich warum wir die wirklich brauchen.
 
Quelle: http://lesekatzen.blogspot.de/2017/04/rezension-smoke-by-key.html