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Lesekatzen

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Vier Katzenbesitzerinnen bloggen gemeinsam über das, was sie neben ihren Vierbeinern am meisten lieben: BÜCHER!!!
Spoileralarm

[REZENSION] Ada - Im Anfang war die Finsternis - Angela Mohr (by Nika)

Ada. Im Anfang war die Finsternis - Angela Mohr

Ada - Im Anfang war die Finsternis- Angela Mohr
Arena Verlag, 2015
360 Seiten
Hardcover 14,99 €
ISBN: 978-3-401-60112-0
eBook 11,99 €

Klappentext
Ohne das Dorf gibt es kein Überleben. Draußen lauert das Verderben, und nur im Dorf bist du sicher. Das ist es, woran Ada glaubt - bis Lucaauftaucht und alles in Frage stellt. Von ihm erfährt Ada: Ihr totgeglaubter Bruder Kassian lebt! Zusammen mit Luca bricht sie jede Regel, die das Dorf jemals aufgestellt hat. Schließlich geht Ada bis zum Äußersten:Sie flieht aus der Gemeinschaft. Sie will ihren Bruder finden. Doch erträgt sie die Wahrheit, die sie jenseits des Dorfes erwartet?




Meine Meinung

Es fällt mir tatsächlich schwer, eine Rezension zu diesem Buch zu schreiben, die nicht zu viel von der Handlung verrät. Wobei ich sagen muss, dass mir Teile der Handlung schon während des Lesens des Prologs klar waren, da sie sehr stark an einen Hollywoodfilm von vor gut zehn Jahren erinnern und dies sich leider auf den nächsten Seiten fortsetzt.

 

Ada lebt in einem Dorf, das von einem gefährlichen Wald umgeben ist. Dort hineinzugehen ist verboten, es ist gefährlich, Gottes Strafe ereilt diejenigen, die es dennoch wagen. Adas Leben ist geprägt vom Glauben an Gott und körperlicher Arbeit. Es gibt strikte Regeln im Dorf, im täglichen Leben und miteinander. Diese Regeln zu befolgen ist wichtig für die Auserwählten, die den nahenden Weltuntergang überleben sollen. In ihrem Dorf sind sie vor den schrecklichen Gefahren, die außerhalb des Waldes auf sie lauern, sicher: Die Menschen draußen sind krank, die Welt stirbt, die Flüsse sind rot von Blut und vergiftet. Doch noch immer gibt es dort draußen Menschen, die gerettet werden können.

 

Die Heiler aus dem Dorf finden diese zu errettenden Menschen und bringen sie in die Sicherheit des Dorfes. Das sieht auch Ada als Schicksal für sich: Sie will Heilerin werden und Menschen helfen, so, wie ihr verstorbener Bruder es tat, dessen Namen sie nach seinem Tod nicht mehr aussprechen darf.

 

Parallel zu Ada und ihrem Leben im Dorf lernt man Luca kennen, der seine Mutter vor dem brutalen Vater/Ehemann wegbringen will. Die Flucht vor seinem Vater führt die beiden zu einer Gruppe von Heilern und durch diese schließlich ins Dorf. Hier ist Luca von Anfang an wie ein Außenseiter, stellt für sich alles in Frage, was das Dorf ausmacht, während seine Mutter sich hervorragend einlebt und geradezu aufblüht. Hier trifft Luca auch auf Ada, die auf einer seiner Zeichnungen ihren totgeglaubten Bruder wiedererkennt.

 

Wie leicht es sein kann, in die Fänge einer Sekte zu geraten, zeigt Angela Mohr deutlich an Lucas Mutter und zum Teil auch an einer weiteren Figur gegen Ende des Romans. Wie es ist, in einer solchen aufzuwachsen zeigt sie eindrucksvoll an Ada.

 

Die Figuren sind tatsächlich gut geschrieben, handeln nachvollziehbar und Ada und Luca können den Leser auch schnell für sich einnehmen. Liz – die dritte Perspektivträgerin, die bereits im Prolog ihren Auftritt hat – braucht hingegen sehr viel mehr Zeit, um dem Leser etwas anderes als ihre zickige, egozentrische und einfach unausstehliche Seite zu zeigen.

 

Auch die Nebenfiguren sind schön gezeichnet, wobei mir „der“ Bösewicht auf den es am Ende des Buches hinausläuft, etwas zu klischébehaftet war. Hier hätte ich lieber eine andere Figur gesehen.

 

Der Schreibstil ist flüssig und angenehm zu lesen, die Themen, wie gesagt, sehr ernst. Leider geraten diese mitunter in den Hintergrund, wenn der Roman versucht, einen fantastischen Aspekt vorzugaukeln, einen Mystery-Ansatz unterzubringen, den es nun wirklich nicht gebraucht hätte und der die Parallelen zum erwähnten Film noch verstärkt und dazu eine Logiklücke enthält (ohne zu spoilern kann ich darauf hier leider nicht näher eingehen).

 

Das klingt zunächst alles noch recht positiv, wenn man davon absieht, dass die Handlung eben doch sehr vorhersehbar war, nicht wahr?

 

Leider habe ich mit dem Buch aber einige Logikprobleme, auf die ich hier in dieser Rezension nicht näher eingehen kann, ohne zu viel zu spoilern. Daher gibt es nach der Katzenbewertung noch einen Zusatz, der meine Probleme mit dem Roman näher erklärt, dafür aber auch spoilert. Wer den Roman also noch selbst lesen möchte, sollte die Rezension nach der Katzenbewertung abrechen. Alle anderen können den Text markieren und lesen.

 

Das Ende des Romans kam mir zu plötzlich, gerade da, wo die spannenden Fragen über die Zukunft beginnen, endet die Geschichte. Ich habe im Allgemeinen das Gefühl beim Lesen und auch nun, nach dem Lesen, dass das Buch das Thema Sekten nur anschneidet. Ja, wir sehen Adas Leben darin, ja, wir sehen Cleides Weg dorthin. Aber die Hintergründe, die Nachwirkungen, das sehen wir nur an der Oberfläche, das wird uns nur am Rande gezeigt und dann werden wir damit allein gelassen, Fragen aufgeworfen, ohne Antworten zu erhalten.

 

Ich weiß, dass dies das persönlichste Buch der Autorin ist und kann mir nicht ausmalen, wie schwer es gewesen sein muss, dieses Buch zu schreiben. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass der „Zweite Teil“ (Seite 232 – 358, also gerade einmal 126 Seiten, oder etwas über ein Drittel des Romans) sich mehr mit Ada beschäftigt hätten. Ja, wir erleben Ada aus Liz‘ Sicht, aber wir erleben Ada kaum aus ihrer eigenen Perspektive. Ca. 50 Seiten werden von Liz erzählt, ca. 30 von Luca. Ada selbst hat also keine 50 Seiten, wobei das Finale dabei ist. Liz schien mir hier mehr dafür da zu sein, damit man seine Meinung über sie vom Anfang des Romans revidieren konnte, diese 50 Seiten hätte man aber besser in Ada investiert.

 

Fazit: „Ada“ ist ein dramatisches, realistisches Jugendbuch über sehr ernste Themen, dessen Umsetzung mich leider nicht wirklich überzeugen konnte.

 

 

Spoilerbehaftete Ausführung meiner persönlichen Probleme mit dem Roman:

Ich hatte mit „Ada – Im Anfang war die Finsternis“ ja so einige Probleme. Damit ich diejenigen, die nicht gespoilert werden wollen, das Buch nicht verderbe, gibt es diese „Zusatzrezension“ in der ich meine Probleme mit dem Buch besser ausformulieren kann – ich hoffe zumindest, ich kann sie besser ausformulieren, denn momentan schwirrt mir ein wenig der Kopf.

 

Während Titel, Cover und Klappentext noch etwas Geheimnisvolles haben und der Geschichte einen mysteriösen Touch versprechen, löst sich das Geheimnis für Filmkenner bereits im Prolog:

 

Liz und ihre Mutter treffen in der Stadt auf ein Mädchen, das in sehr altmodischen Klamotten apathisch auf einer Bank sitzt. Mit dem Wissen um den Film „The Village“ von 2004 weiß man jetzt schon grob, was es mit Adas Dorf auf sich hat. Das alltägliche Leben im Dorf wird immer mal wieder durch das Auftauchen der apokalyptischen Reiter unterbrochen, vor denen die Dorfbewohner sich verstecken müssen. Auch hier wieder eine Parallele zu „The Village“ und der Gruseleffekt, den die Reiter wohl beim Leser verursachen sollen, verpufft bei mir sofort, weil eben sofort klar ist, dass da die Dorfältesten auf den Pferden sitzen, so wie sie in „The Village“ in den Monsterkostümen steckten. Auch die Fallen im Wald waren mir zu starke Parallelen zum Film. Was ich bei den Reitern übrigens nicht verstanden habe: Sie suchen angeblich verdammte Seelen, die sie mitnehmen können, im Dorf leben aber zum Zeitpunkt ihres ersten Angriffes nur Siegelträger, die von den Reitern nicht mitgenommen werden. Wieso verstecken sie sich also?

 

Während über den ersten Unmut über die Parallelen zum Film noch ein anderer Klappentext geholfen hätte, der nämlich nicht suggeriert hätte, dass es nämlich kein großes Geheimnis ist, was es mit dem Dorf auf sich hat, fand ich die Fallen im „verbotenen“ Wald und die Reiter einfach nur unnötig. Dieser Versuch, Fantasyelemente in dieses ganz und gar realistische Drama zu bringen, lenkt von den eigentlichen Themen des Buches ab und die sind viel zu wichtig, um davon abzulenken. Wir haben hier eine Sekte, die ihre Mitglieder unterdrückt, für die Gewalt ein bereitwilliges Mittel zur Läuterung der Zweifelnden ist, für die es in Ordnung ist, Kinder zu misshandeln – psychisch und körperlich.

Wir haben Menschen, die aus gewalttätigen Familien in dieses nicht weniger gewalttätige Szenario flüchten.

Wir haben Menschen, die aus der Sekte ausbrechen, ihr entfliehen und unter den Folgen des Kulturschocks jahrelang leiden. Statt dass wir diese Leiden ausführlicher beleuchten, den Versuch, sich in ein neues Leben einzugewöhnen näher betrachten – denn die Langzeitprobleme der Aussteiger werden nur mit ein, zwei knappen Sätzen abgetan – wird Zeit auf diese angeblichen Fantasyelemente „verschwendet“, ohne die das Buch meiner Meinung nach sehr viel stärker geworden wäre, wenn es sich von Anfang an als das verkaufen würde, was es ist: Ein Jugenddrama das einige sehr ernste Themen aufgreift.

 

Der Roman zeigt durch Ada und Luca sehr gut, wie die Gehirnwäsche einer solch fanatischen Glaubensgemeinschaft funktioniert. Warum sich nicht mehr darauf konzentrieren und darauf, wie es nach dem Austritt aus einer solchen Sekte weitergeht? Wieso nicht mehr auf die Probleme konzentrieren, die Kassian und Nathanael haben und diese einfach in einem Absatz am Ende vom Bösewicht ansprechen lassen?

 

Ein weiteres Problem, das ich mit dem Buch hatte, war, dass es mir sehr, sehr schwerfällt, zu glauben, dass ein solches Dorf mindestens 16 Jahre lang in Deutschland in dieser Weise existieren kann. Wir sind in Deutschland eben doch durch und durch von Regulierungen und Vorschriften geregelt und haben für alles und jeden entsprechende Ämter. Nun weiß ich, dass die Autorin selbst aus einer Sekte ausgestiegen ist und ich lasse mich gern eines Besseren belehren, sollte es tatsächlich in Deutschland ein solches Dorf geben können, bis dahin bewahre ich mir allerdings meine Zweifel, dass es in dieser Form funktionieren kann, aus den folgenden Gründen:

Das Dorf befindet sich auf einem stillgelegten Militärgelände, oder in dessen Nähe. Sprich, irgendwer muss dieses Gelände in den letzten Jahrzehnten gekauft und bebaut haben. Es ist zwar die Rede davon, dass es eine Halle im Dorf gibt, die vorher genutzt wurde, aber ein typisches abgelegenes Militärgelände dürfte kein ganzes gebautes Dorf beherbergt haben. Vor allem keines, dem jegliche moderne Elemente, wie Elektrizität und fließendes Wasser fehlen. Und da fängt es mit den Problemen in Deutschland an: Niemand baut einfach so ein Dorf im Wald, ohne, dass das Bauamt einschreitet. Erkundigt euch nur einmal bei eurem örtlichen Amt darüber, was ihr beachten müsst, wenn ihr ein gemauertes Gartenhaus bauen wollt …

Weiter geht es mit dem Jugendamt und dem Schulamt. Luca führt gegen Ende des Romans an, dass das überarbeitete Jugendamt wahrscheinlich froh war, das Kind aus einer Problemfamilie nicht länger betreuen zu müssen und sie wohl sogar freiwillig der christlichen Gemeinde überlassen hat. Das funktioniert aber auch nur, wenn man sich diese Gemeinschaft vorher anschaut. Dann sieht das Jugendamt, dass da noch mehr Kinder sind. Sind die gemeldet? Werden sie regelmäßig ärztlich betreut? Gehen sie zur Schule?

Denn die Schulpflicht ist etwas, wobei deutsche Behörden wenig Spaß verstehen. Homeschooling gibt es bei uns nicht. Kinder müssen in eine Schule gehen. An diesem Punkt sind schon einzelne Familien am deutschen Staat gescheitert, ebenso, wie Glaubensgemeinschaften, die dies nicht einsehen wollten.

Das Dorf hätte natürlich eine Privatschule gründen können, dafür hätte es sich aber mit den Behörden arrangieren müssen. Da die Siegelträger die Organe des Staates aber nicht anerkennen, dürfte das nicht passiert sein.

 

Dann ist Liz die erste und einzige, die auf den Gedanken kommt, die Polizei zu rufen?

Ich meine, ja, ich weiß, die Siegelträger erkennen die Staatsorgane nicht an, das ändert nichts daran, dass sie sich ihnen beugen müssen.

Nathanael ist vor fünf Jahren ausgestiegen, war in psychiatrischer Behandlung und hat nie erzählt, was mit den Kindern im Dorf passiert? Ein Wort von Kindesmisshandlung und alle Behörden wären sofort im Dorf, um die Anschuldigungen zu untersuchen. Er kommt doch auch immerhin auf den Gedanken, dass eine Kindesentführung das Dorf stürzen kann.

Liz‘ Mutter hätte sofort die Polizei verständigen müssen, als Ada ihr sagte, dass die Männer aus dem Dorf in der Stadt sind, um sie zurückzuholen.

Stattdessen gibt es ein actionreifes Finale in der Kirche, in der der fanatische Bösewicht Ada mit einem Messer an der Kehle bedroht und Kassian und Nathanael verhöhnt, weil sie noch immer unter ihrer Gehirnwäsche leiden müssen und das auch noch weiterhin tun werden. Ein kleiner Ausblick darauf, was auf Ada wartet, aber nur so kurz angeschnitten, dass er fast direkt im Anschluss wieder in Vergessenheit gerät.

 

Wie ich schon ansprach, fand ich Benedikt/Andreas, der am Ende des Romans die Rolle des Bösewichts einnimmt, etwas zu klischéhaft. Natürlich gibt es derart fanatische Menschen, nur, gerade in diesem Szenario ist es eben genau dieser fanatisch hörige Mitläufer, der ständig als Bösewicht herhalten muss. Wieso nicht stattdessen einen der Dorfältesten, einen der Gründer des Dorfes, denen es offensichtlich mehr um Macht denn um Glauben geht, als Bösewicht in der finalen Konfrontation agieren lassen? Oder die Eltern, die sich für dieses Leben entschieden haben, dabei offensichtlich im Konflikt mit sich und ihrem gelebten Glauben stehen, wenn sie ihre Kinder zwar nicht selbst schlagen, aber die Prügel in der Schule und zur Teufelsaustreibung akzeptieren.

(show spoiler)
Quelle: http://lesekatzen.blogspot.de/2015/09/rezension-ada-im-anfang-war-die.html