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Lesekatzen

Lesekatzen

Vier Katzenbesitzerinnen bloggen gemeinsam über das, was sie neben ihren Vierbeinern am meisten lieben: BÜCHER!!!

Dieses Buch will gelesen werden.

Was tue ich hier eigentlich?: Philosophisch denken lernen und nebenbei das Leben verstehen - Nicolas Dierks
 „Wie findet man heraus,
welches der eigene Traum ist.“

Key und das Sachbuch… eine Pilgerreise. Kaum zu glauben, aber dieses Buch hat mich viel Zeit gekostet. Der Inhalt ist nicht zu unterschätzen. Doch es war die Mühe wert. Dafür das es nur 9 Kapitel sind (und kein 10.), hat mich dieses Werk doch etliche Stunden in den Klauen gehalten. Einzelne Sätze, nicht wenige Absätze und sogar manch ganzes Kapitel wurde doppelt und dreifach durchgeackert. Ich fühlte mich an die Schulzeit erinnert, habe versucht mir Notizen zu machen, was ich ja bei so gut wie jedem Buch, welches ich rezensieren möchte, tue. Aber dies Mal war es anders. Denn ohne die dazu gehörige Leserunde auf Lovelybooks wäre ich vielleicht nicht so konsequent geblieben. Eins kann ich euch vorne weg sagen: Das ist nichts für zwischendrin. Zumindest dann nicht, wenn ihr, wie ich, Philosophie nur hattet - weil ihr Religion abgewählt und als Alternative eben den Kurs mitgenommen - euch sonst aber nicht damit befasst, denn Nicolas Dierks hat seine Hausaufgaben gemacht.
 

Ich bin in der Zielgruppe des Buches! Juhu! Aus dem Elfenbeinturm hinaus - na das klingt doch prima! Dachte sich die kleine Key und betrachtete die Bewerbung zur Leserunde. Las die Leseprobe und wollte nicht der ‚Verpassensangst‘ erliegen. Außerdem war schon dieser Auszug so aussagekräftig, so wunderbar gespickt mit einem Zitat aus einem Science Fiction Roman, mit Alltagsbeispielen und… einem Doppelpunkt. Und was an einem Doppelpunkt so unglaublich sein kann, das verrat ich euch nicht. Und dann diese Frage! „Wie befreit man sich gedanklich und emotional am Besten von einer tristen Routine?“ Und da waren ein paar Antworten dabei! *hui Ist ja nicht so, als ob der Buchtitel nicht schon genug Platz für weitreichende Key-typische Ausschweifungen gehabt hätte. Ich muss wohl nicht extra betonen mit welch hohen Erwartungen ich an diese Lektüre gegangen bin, sowohl Erwartungen an das Buch, als auch an mich!
 
 „(...) dass wir vielleicht gar nichts mit Sicherheit wissen können,
ja, alles in Frage stellen MÜSSEN.“

Von der Struktur her begegnen wir in diesem Buch durchgängig durch alle 9 Kapitel nicht nur sehr bekannten Namen sondern auch weniger geläufigen Philosophen, die hier und da mal ein Zitat einfallen lassen. Auffällig auch der nahe Stil des Autors, der immer wieder den Lesenden direkt anspricht und ihm Denkaufgaben stellt: „Haben Sie eine Routine des Nachdenkens?" (S.40) Oder die Beispiele aus seinem persönlichen Bekannten- und Familienkreis, welche ein hohes Maß an Authentizität schaffen. Immer wieder bezugnehmend auf die im jeweiligen Kapitel behandelten Ansätze und Möglichkeiten. Denn es gibt sogar Platz für Spiderman und Monty Python. Jawohl Möglichkeiten. Denn dies ist kein Leitfaden und Herr Dierks will auch niemanden an die Hand nehmen um ihm den Ausblick vom Leuchtturm zu zeigen und zu warten bis über dem Kopf des Lesers die Glühsparlampe angeht. Das ist zwar schon das gewünschte Ziel, zu einer Erkenntnis zu gelangen am Ende, aber diese beschränkt sich - natürlich ganz philosophisch - auf die Tatsache: „Mensch, denk mal!“

Daher fühlte ich mich ausnahmsweise mit all meinen Ableitungen, Umleitungen, Fertigmauern und Ausschweifungen sowie an den Haaren herbei gezogenen Vergleichen zu Büchern, Filmen, Musiktiteln und eigenen Erfahrungen, nicht Fehl am Platz. Sondern sehr gut aufgehoben, ich hatte das Gefühl, dass all diese Worte von jemandem geschrieben worden sind, der mich versteht! Und das obwohl ich ihn nicht persönlich kenne, der aber ein Talent besitzt, welches viele Trivial-Autoren vergeblich suchen. Er erreicht den Leser, spaziert mit ihm durch sein Buch. Dieses Gefühl stellte sich immer dann ein, wenn ich einen Abschnitt durch hatte und mir dachte: „Hm, och, warum lässt er denn hier dies und jenes außer Acht“ oder „Ach, das nimmt jetzt aber Bezug auf das im vorigen Kapitel“ denn kaum gedacht, schon präsentiert Herr Dierks eben jene Gedankengänge selbst: verknüpft seine Aussagen geschickt miteinander und gibt immer mal wieder ein Zeichen, dass etwas Spezielles später aufgegriffen wird oder es eben allein bei mir liegt dahin gehend weiter zu denken, so ich es denn für nötig halte.


 „Aufgeweckte Zweifler hingegen
können ungewöhnliche Möglichkeiten sehen.“

Im Großen und Ganzen gesehen konnte ich den Gedanken sogar recht gut folgen. Ab und an stolperte ich über dann doch sich sehr schwierig und kompliziert anfühlende Themenbereiche oder gar über jene Passagen denen ich nicht zustimmen konnte: Das Ich betreffend (zB). Genau genommen aber lässt sich dieser Eindruck komprimieren: Komplexität.
Dieses Werk lebt von all den Bildern die einem in den Kopf gezaubert werden. Sei es idyllische Landschaft, Nebellabyrinthe oder ein Gerichtssaal. Man stellt fest: ‚Hier is gar kein Wurm drin! Das ne Raupe!‘ man fragt sich selbst über den Glauben aus, fragt sich wer man ist oder lieber sein möchte, erinnert sich daran was einem beigebracht worden ist und wie es enden wird. Träume sind ebenso Motiv wie die dazu passende Illusion - wenn nicht gar die Illusion des Traums. Grenzen wurden erkundet, ich bin träumend auf einem Tiger über einen Mittelaltermarkt geritten und es gab sogar Schuhe. Das ‚Jetzt‘ wird angeschnitten, vor dem Tod nicht weggelaufen und die Fragen nach der eigenen Persönlichkeit und der Aufrichtigkeit bleiben nicht verschont. Gnadenlos schlug die ein oder andere Momentaufnahme zu und ließ mich verwirrt zurück, bis ich mit mir selber ausgemacht hatte, was mir allein persönlich dazu einfällt. Manchmal war dies leicht, besonders zu Anfang.

Einzig enttäuscht hat mich das Ende, vielleicht auch nur aufgrund meiner Vorstellung von einem Ende. Ich hatte eben ein Ende erwartet. Aber wer ist denn so kirre und erwartet in der Philosophie ein Ende? Wie absurd! Natürlich ist da keine Zusammenfassung oder gar eine Bewertung. Dort ist auch kein Abschlußtest (obwohl, DAS wäre lustig gewesen), ich muss niemandem etwas beweisen, ich müsste nicht einmal gestehen ob ich jetzt etwas über die Philosophie und das Philosophieren gelernt habe!
Der Autor geht durch einen Philosophie-Baumarkt und greift sich aus jedem Regal ein bisschen etwas um es in seinen Wagen zu legen. Und der Leser darf sich aus dem Füllhorn hier bedienen. Dieses Buch wollte von ihm geschrieben werden und beide, Autor und Buch sind sympathisch und haben sich eine ganze Palette von Ansatzpunkten zurecht gelegt. Und da staunen nicht nur die Bonoboaffen im Gerichtsaal auf dem Leuchtturm!

„Wie einzigartig wollen wir sein?“ 
 
Fazit:

Dies ist kein Ratgeber für: ‚Ach, ich hab grad ne Sinnkrise…‘ Wir sind hier auch nicht mit dem Autor unterwegs nach Griechenland per pedes. Mit diesem Buch kann man es sich gemütlich machen, denn viele Anekdoten und eine flüssige, lockere Schreibweise begünstige den Lesefluß an sich. Auch die Unterteilungen der Kapitel und die Zwischenüberschriften sind passend gewählt, es gibt einen Anhang mit weiterführender Literatur (die ich beschämenderweise nicht benutzt habe). 
Was tue ich hier (eigentlich)- will ich so leben? Lebe ich überhaupt einen Traum - was für Träume habe ich noch? Ich brauche andere um ich selbst zu bleiben, aber bin das Ich (ich oder gar ICH)? Und ganz besonders wichtig in meinem Fall: Hör’ ich mir eigentlich selbst zu?

Gibt es fünf Sterne für ein perfektes Buch? Ja Fünf für etwas Perfektes. Und da waren noch andere Indizien… Werde ich es noch mal lesen? Würde ich es weiter empfehlen? Wird es mir lange in Erinnerung bleiben? Es tut mir leid, ich habe keine Ahnung, ob es perfekt war, aber dafür war das Haus Grün (S.62). Denn dieses Werk legt den Finger darauf: mit offenen Augen zu leben und mir meine eigene Meinung zu bilden, zu hinterfragen, Schlüsse zu ziehen und andere Theorien nicht vorbehaltlos zu verdammen oder abzunicken. Zu empfehlen, durchaus jedem der Lust hat auf das Gedankenkarussell aufzuspringen. Diesem Buch muss man aber auch einfach zugestehen wirken zu dürfen, nicht nur abgeklappert zu werden oder eben aus lauter Respekt gar nicht erst weiter gelesen zu werden. Erneute Lektüre: das kann ich mir gut vorstellen, zumal ich doch auf den ein oder anderen Querverweis zurückkommen werde und dann wird es hilfreich sein, meine gelb getextmarkerten Stellen noch einmal zu verinnerlichen. Und ihr kennt das ja, wenn man einmal eine Stelle aufgeschlagen hat, dann liest man lieber nochmals den ganzen Abschnitt, ach was soll’s das Kapitel.

Zur Urteilsfindung gründen wir die: AzA (Alternative zum Atmen) zum Schutz des wehrlosen Aeroplankton.*

* in Anlehnung an die Leserunde.
Quelle: http://lesekatzen.blogspot.de/2014/12/rezension-was-tue-ich-hier-eigentlich.html