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Lesekatzen

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Vier Katzenbesitzerinnen bloggen gemeinsam über das, was sie neben ihren Vierbeinern am meisten lieben: BÜCHER!!!

Parallele Fäden machen Knoten

Auf der Suche nach dem Auge von Naga: Roman - Mark Hodder
"Wenn sich ein Mann im Verlauf der Geschichte verheddert,
Richard, verliert er sich aus den Augen."


London... HAH! Von wegen. Afrika. Na ja gut, auch ab und zu mal London. Je nachdem in welches Kapitel man in dem dritten Teil der Burton und Swinburne Reihe denn nun springt.
Ich nutze mal den Anfang meiner Rezension um mich für Fehler in den Rezensionen zu „Der kuriose Fall des Spring heeled Jack“ und „Der wundersame Fall des Uhrwerkmannes“ zu entschuldigen. Diese werde ich aber nicht berichtigen. Weil… nun ja, das wird jetzt kompliziert zu erklären. Aber ich versuch es mal so wie K’k’thymia - Hohepriester von und zu… - es versucht hat Burton zu erklären. Die Zeit ist ein Lied und das Lied der Naga muss gesungen werden bis zum Ende. Und dieses Lied erfordert nicht nur blutige Opfer und himmelschreiende Logikverzerrung. Man stelle sich ein Orchester vor welches unsere Zeitlinie repräsentiert und die Melodie unserer zeitlichen Entwicklung spielt. Ich spinne diesen Gedanken mal weiter: Man benütze STRG+C sowie STRG+V, STRG+V, STRG+V,… und jedes der Orchester in demselben Theater spielt jetzt sein Lied, welches immer ein klein wenig anders ist. Das dabei NUR Chaos entstehen kann, ist uns glaube ich allen irgendwie klar.

Da das aber jetzt sehr abstrakt ist, verpackt Hodder diese Zeitreise-Paradoxen-Theorien in die Geschichte des viktorianischen Zeitalters ohne Viktoria. Und Fehler, die ich eingangs angemerkt habe, entstehen schlichtweg dadurch, dass in diesen Büchern kein Stein auf dem anderen bleibt und am Ende, alles nur noch spekulativer und alternativer wird, als zu Anfang im beschaulichen 1861/63 erwartet.
Es geht hier um die Realität und die Möglichkeit von Parallel-Entwicklungen. Es geht um… Bäume, die beschnitten werden müssen. Es geht um die Auswüchse menschlichen Kriegstreibens. Es geht um die Wurzeln der Vernunft, Philosophie und der Poesie. Und Triebe, Ableger, Züchtungen. Ich glaube, tief in seinem Inneren ist Mark Hodder ein passionierter Gärtner. Anders kann ich mir den Hang zur Eugenik und zu Metamorphosen und diversen anderen Experimenten in seiner phantasievollen Gestaltung dieser Handlung nicht erklären.

"An einem schlechten Tag,
muss jeder Schritt als Errungenschaft gewertet werden."

Der Autor nimmt die geballte Ladung realer Vorbilder des 19.Jahrhunderts und des ersten Weltkrieges und lässt sie neue Wege einschlagen. Ein anderes Wort wie ‚alternativ‘ gibt es dafür nicht. Seine Schreibweise ist solide und nicht so alternativ auf drei Bücher nun gesehen, liegt sein Schwerpunkt noch immer auf dem Showdown. Mittens schwächeln seine Werke durch etwas zähen Fluss. Aber der Abgang ist stets rasant und spannend. Sein Hang zum Abschlachten von Nebencharakteren lässt sich nun nicht mehr leugnen. Das gefällt mir. Auch wenn es im diesem Teil nun extrem war und ich mich frage wie er DAS wieder gerade biegen will. Seine lyrischen Höhenflüge stiebitzt er sich aber bei den realen Vorbildern.

Schon zuvor fielen mir ein paar Eigenarten auf, die diese Geschichte mit anderen Werken gemein hat. Sei es nun zum Beispiel das Konsolenspiel: „Thief“ oder die britische unendlich Serie: „Doctor Who“. Ich kann euch versichern, es ist eigenartig, abgedreht und alternativ. In der Quintessenz aber hat Hodder dasselbe Problem wie alle anderen Zeitreise-Autoren: zu viele Möglichkeiten. Einmal aus der Achse gerissen und verselbstständigt lässt sich so ein Gerüst der vielen Welten und Entwicklungen nicht mehr mit zwei Händen zusammen halten. Und jedes Mal wenn, der Hauptcharakter denkt, er käme der eigentlichen Sache auf die Spur und alles würde wieder zum Normalzustand finden, schafft er eine weitere Parallele. Schon Sheldon Cooper aus ‚Big Bang Theory‘ weiß von diesen (unmöglich greifbaren) Dingen zu berichten.
Und dabei kommt es mir nicht im Mindesten so abstrus vor. Denn die Geschichte an sich glänzt mit langen Abschnitten voller Malaria, Moskitos, Pombe, Wegzoll an afrikanische Einheimische und Tagelangem Nichtstun voll Fieber und lauter afrikanischen Vokabeln die ich nicht aussprechen kann. Viel Zeit also innerhalb der Erzählung Ruhe zu bewahren. Dabei spricht aus den Seiten die Ehrfurcht des Autors vor Sir Burtons Reisetagebüchern.

"Wir möchten das alles einen Anfang,
einen Mittelteil und ein Ende hat."

Inhaltlich bewegt sich die Handlung von England einfach nur nach Afrika und zurück. Gebrochen wird diese ermüdende Reise durch die Hölle jedoch vom wilden Gehopse in verschiedenen Zeitebenen. Wenn ich in Teil1 noch einen roten Faden hatte und dachte in Teil2 wäre es ein Spinnennetz aus Fäden auf einem Flipchart, so hat Teil3 gar nichts. Der Leitstern dieser Handlung ist die Expedition an sich. Burton hat einen klaren Auftrag: Finde das afrikanische NagaAuge und bring es Heim. Tja, schon Kanarienvogel Pox aus Teil2 wusste, dass das nicht ohne Schwierigkeiten ablaufen wird. Ist es auch nicht. Es kommt viel schlimmer als erwartet. Als Leser behält man noch einigermaßen guten Überblick, im Gegensatz zu den Charakteren die den Nil hochjagen. Ein verzweifeltes Wettrennen mit Speke und den Preußen entsteht. Gute alte Entdecker, Forscher, Indiana Jones Manier. Hier nur übertroffen durch das Hüpfen in eine ‚schöne neue Welt‘ des ersten Weltkrieges, welches nicht nur England zerstört hat, sondern sich nun Afrika als Schauplatz gewählt hat. Das Empire fällt und nur Einer kann all die Zerstörung stoppen. Supermann Burton.

Ist euch aufgefallen, dass ich Swinburne nicht mehr erwähne? Wie schon in den beiden anderen Teilen, muss ich gestehen, kommt er mir einfach zu kurz. Ja, er wird hier als ‚best man‘ Burtons engster Freund dargestellt, er ist mein ‚präraphaelitischer Ritter‘ der nur lebt, wenn er dicht an der Kante zum Tod tanzt… Kunstpause. Aber das Buch verdient die Aufschrift: Burton & Swinburne nicht. Zu viele andere Charaktere sind genauso wichtig. Denke ich nur an Trounce, Honesty oder den Premierminister, die Wahrsagerin Comtess Sabina, oder… wie könnte ich ihn vergessen? Quips. Auch dieser Teil kommt ohne Liebelei aus. Exverlobte Isabel hat zwar einen ‚Karacho-Gastauftritt‘ aber was mich fasziniert ist die Liebe der Herren untereinander. Und ich rede von Freundschaft. Das tat beim Lesen einfach weh, wie eng die Männer sich mittlerweile stehen. Immer und immer wieder leiden die Charaktere und das ist gut so. Hodder ist kein Autor für eine glorreiche Queste mit einem goldenen Ritter auf weißem Roß. Im besten Fall würde ich ihm noch: Sadismus an den eigenen Charakteren vorwerfen. „Für Ihre Art ist es praktisch unmöglich, aus der einengenden Geradlinigkeit einer Erzählstruktur auszubrechen.“ (S.489)
 
"Allein Äquivalenz kann zu Zerstörung oder endgültiger Transzendenz führen."
 
Fazit: 
Die Lektüre des dritten Bandes hat mir gut gefallen. Auch wenn ich wesentlich länger für die erste Hälfte, denn die letzten Vier Kapitel brauchte. Hodder hält alle Fäden in der Hand und versucht nichts fallen zu lassen. Er macht sich ganz gut als Fadenspieler/ Hexenspieler. Ich frage mich nur, wer das 'Abnehmen' zur nächsten Figur übernimmt. Er geht auf Details ein, platziert Hinweise und Indizien. Aber dieser Fall war keine Detektivarbeit, es war ein Ende. EIN Ende. Ja, richtig. Im Plusquamperfekt gibt es keine absolute Lösung. Und sitzen gelassen wird der Leser mit viel Raum oder vielmehr viel Zeit für Möglichkeiten. Eher ein klassisches: Zeit-Paradoxen-Ende. Da die Reihe noch weiter geht, gehe ich mal schwer davon aus, dass Hodder den Dreh gefunden hat den armen - jetzt abgehalfterten - Burton noch weiter zu schinden und durch die Zeit zu jagen. Der Kerle ist immer noch viel zu toll und gut und talentiert, aber jetzt hat sich’s ausgepowert. 

Und nach Werwölfen und Ektoplasma gab es leider keine Aliens für mich. Aber dafür ... Mohnblumen, Silberfischflitzer und viele Zitate von berühmten Persönlichkeiten. 
Ich sinniere aber nicht über die großen Fragen der Zeit sondern darüber: 'Kann man jemanden an Bord eines Luftschiffes 'Kielholen lassen'?'
Und was bitte meinte Swinburne damit: "Zebra! Kudu! Giraffe! Perlhuhn! Löwe! Wachtel! Vierbeiniges Dingsbums!"(S.310)
In geschickten Konversationen der Charaktere untereinander greift der Autor zwar immer erklärend ein, was auch dem Leser hilft den Überblick zu behalten, aber ohne das Wissen aus den anderen beiden Büchern, würde ich nicht empfehlen quer einzusteigen.

Urteil: "Wiwissewohe! Wiwisswohi! Wodu! Wagwi! Nizudenke!"
 
Quelle: http://lesekatzen.blogspot.de/2014/10/rezension-auf-der-suche-nach-dem-auge.html